
Stilistische Grundlagen des Shōrin Kempō Ryū
Shōrin Kempō Ryū basiert auf dem ursprünglichen niederländischen Kempo der frühen 1960er-Jahre und bewahrt zentrale technische sowie konzeptionelle Elemente jener Zeit. Ein wesentlicher Bestandteil des Systems sind Techniken aus dem Kranich- und Tigerstil des Kuntao Matjan. Diese spiegeln sich sowohl in den Formen – Sifat, Kuen und Jurus – als auch in verschiedenen Partnerübungen wider.
Der Kranich steht sinnbildlich für Geduld, Eleganz und Präzision. Entsprechend zeichnet sich der Stil durch geschmeidige Bewegungsabläufe aus, die mit schnellen, peitschenden Schlagtechniken kombiniert werden. Die Kraftentwicklung erfolgt dabei nicht primär über reine Muskelspannung, sondern über das bewusste Zusammenspiel von Spannung und Entspannung, stabiler Erdung, gezieltem Hüfteinsatz und kontrollierter Atmung.
Die Tiger-Techniken besitzen ebenfalls eine fließende, weiche Komponente, drücken jedoch vor allem konzentrierte und direkte Kraft aus. Charakteristische Handformen sind die geschlossene Faust sowie die sogenannte Tigerklaue, die sowohl zum Greifen als auch zum kontrollierten Angriff eingesetzt wird.
Im Zusammenhang mit Shaolin Kempo wird häufig auch der Drachenstil als Grundlage erwähnt. Drachen-Techniken sind jedoch typischerweise von kreisenden, schwenkenden und kurvenreichen Bewegungen geprägt. Dabei bleiben die Füße häufig am Standort, während Ausweichbewegungen überwiegend über Körperrotation erfolgen, um unmittelbar in einen Konter überzugehen. Verteidigung und Angriff sind dabei oft in einem einzigen Bewegungsmuster miteinander verbunden.
Diese typischen Merkmale des Drachenstils finden sich im ursprünglichen Shaolin Kempo jedoch nicht in dieser Form wieder. Die stilistischen Wurzeln des Shōrin Kempō Ryū liegen vielmehr eindeutig in den Kranich- und Tiger-Elementen des Kuntao.
Kuntao Matjan
Die historische Wurzel des niederländischen Kempo
Kuntao Matjan bildet die zentrale historische Grundlage des niederländischen Kempo. Seine Ursprünge liegen in den südchinesischen Kampfkünsten, die durch chinesische Auswanderer nach Indonesien und in den malaiischen Raum gelangten. Dort verbanden sich chinesische Faustkampfsysteme (Kuntao / Quánfǎ) mit regionalen Einflüssen und entwickelten eigenständige Ausprägungen.
Der Zusatz Matjan (malaiisch/indonesisch für „Tiger“) verweist auf die stilistische Prägung durch südchinesische Tiger- und Kranichprinzipien. Diese Tierkonzepte standen nicht nur symbolisch, sondern strukturierten die technischen Inhalte – sowohl in Formen als auch in Partnerübungen und Anwendungsprinzipien.
Im Zuge der kolonialgeschichtlichen Verbindungen zwischen Indonesien und den Niederlanden gelangten diese Systeme in den 1950er-Jahren nach Europa. Insbesondere in den Niederlanden entwickelte sich aus dem überlieferten Kuntao eine eigenständige Form des Kempo, die organisatorisch und terminologisch zunehmend japanisch geprägt wurde, in ihrer technischen Substanz jedoch deutlich südchinesische Wurzeln bewahrte.
Das niederländische Kempo der frühen 1960er-Jahre ist somit kein isoliertes Neusystem, sondern das Ergebnis einer historischen Entwicklungslinie:
Südchinesisches Quánfǎ → Kuntao im indonesischen Raum → Kuntao Matjan → Niederländisches Kempo.
Kuntao Matjan stellt damit nicht nur eine stilistische Inspiration dar, sondern die tatsächliche historische und technische Basis des späteren Shōrin Kempō Ryū.
Elemente des Shôrin Kempô Ryu
Kihon (Grundschultechniken) – Fundament innerer Energie
Kihon bezeichnet die grundlegenden Basistechniken eines Systems. Der Begriff setzt sich aus Ki (Energie) und Hon (Grundlage, Basis) zusammen. Wörtlich verstanden bedeutet Kihon somit „Grundlage des Ki“. Mit Ki ist jene Energie gemeint, die in der chinesischen Tradition als Qi bezeichnet wird und aus der unter anderem Übungssysteme wie Qigong hervorgegangen sind. Das ursprüngliche Ziel des Kihon besteht daher nicht primär im Aufbau von Kondition oder Ausdauer, sondern im Erlernen der fundamentalen Prinzipien im Umgang mit dieser inneren Energie.
Durch jahrelanges, konsequentes Training im Kihon entwickelt der Übende die Fähigkeit, Spannung und Entspannung bewusst zu steuern, eine stabile und korrekte Körperhaltung einzunehmen sowie Atmung und Bewegung miteinander zu koordinieren. Der Körper wird zunehmend bewusst wahrgenommen, und Technik, Körper und Geist beginnen als Einheit zu wirken. Kihon erfordert Konzentration, Disziplin und präzise Ausführung. Jede Technik soll klar strukturiert, kontrolliert und mit angemessener Spannung, korrekter Haltung und abgestimmter Atmung ausgeführt werden.
Bei sachgemäßer Ausführung werden zudem bestimmte energetische und physiologische Punkte des Körpers aktiviert und positiv stimuliert. Kihon ist damit weit mehr als reines Techniktraining – es bildet das energetische und strukturelle Fundament des gesamten Systems.
Sifat
Sifat ist ein indonesischer Begriff und bedeutet sinngemäß „Charakteristik“, „Wesensart“ oder „Wesenskern“. In einem übertragenen Sinne kann Sifat auch als „Seele“ eines Systems verstanden werden. Im Shōrin Kempō Ryū bildet die Sifat die zentrale konzeptionelle Grundlage. Sie beschreibt die inneren Prinzipien, die Bewegungsstruktur und die charakteristische Ausdrucksform des Stils. Die Sifat gliedert sich in insgesamt neun Bewegungsprinzipien. Diese definieren, wie Techniken ausgeführt, Kräfte entwickelt und Bewegungen miteinander verbunden werden. Sie geben dem System seine Identität und sorgen dafür, dass Formen, Partnerübungen und Anwendungen einem klaren, gemeinsamen Grundmuster folgen. Die Sifat ist damit nicht nur Technik – sie ist das strukturelle und geistige Fundament des Shōrin Kempō Ryū.
Die ersten sechs Bewegungsprinzipien bilden die grundlegenden Basisformen der Sifat. Sie vermitteln die elementaren Bewegungsstrukturen, Körpermechaniken und Kraftentwicklungsprinzipien des Systems. In ihnen werden Haltung, Ausrichtung, Spannung und Bewegungsfluss systematisch geschult und gefestigt. Diese sechs Prinzipien legen damit das technische Fundament, auf dem die weiterführenden Formen und Anwendungen aufbauen.
Sifat yang Pertama
Sifat yang Kedua
Sifat yang Ketiga
Sifat yang Keempat
Sifat yang Kelima
Sifat yang Keenam
Die nächsten drei Bewegungsprinzipien der Taji Jati sind integraler Bestandteil der neun Bewegungsprinzipien der Sifat und gehen auf den südchinesischen Tigerstil des Kuntao Matjan zurück. Charakteristisch ist die überwiegend geradlinige Ausführung der Techniken. Die Bewegungen erfolgen zumeist aus der Katzenfußstellung heraus und verbinden Stabilität mit unmittelbarer Vorwärtskraft. Diese Prinzipien betonen direkte Durchsetzung, klare Struktur und eine konzentrierte Kraftentfaltung.
Taji Jati yang Pertama
Taji Jati yang Kedua
Taji Jati yang Ketiga
Taji Jati lässt sich sinngemäß als „durchdringende Technik“ übersetzen.
Tiga Perang
Die Tiga Perang (die drei Kriege) hat ihren Ursprung in einer alten Tradition, in der Kampf nicht nur als körperliche Auseinandersetzung, sondern als ganzheitliche Schulung von Körper, Geist und Charakter verstanden wurde.
Kuen
Die Kuen haben ihren Ursprung im südchinesischen Kuntao. Der Begriff Kuen lässt sich wörtlich mit „Faust“ übersetzen. Darüber hinaus steht er sinnbildlich auch für Fertigkeit oder Meisterschaft – insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit Waffen.
Long Kuen -Drachenfaust
Im südchinesischen Kuntao bezeichnet Long Kuen eine Form, die durch kraftvolle und zugleich fließende Bewegungen gekennzeichnet ist. Typisch sind eine spiralförmige Kraftentwicklung, eine ausgeprägte Hüftrotation sowie dynamische Wechsel zwischen hohen und tiefen Positionen. Darüber hinaus verbindet diese Form innere Spannung mit explosiver Entladung. Die Symbolik des „Drachen“ steht dabei nicht für rohe Kraft, sondern für kontrollierte, gelenkte und intelligente Energie.
Chuan Fa Kuen - Form der Fausttechniken
Chuan Fa Kuen (auch Chuan Fa Quan geschrieben) ist eine südchinesische Bezeichnung, die häufig im Kuntao verwendet wird. Wörtlich bedeutet der Name „Form der Fausttechniken“. Im Kuntao wurde diese Form mit Elementen des Pencak Silat kombiniert und entsprechend weiterentwickelt.
Zhang Fan Kuen oder Quan (掌翻拳) – Die Form der drehenden Handflächen
Die Zhang Fan Kuen ist geprägt von fließenden, rotierenden Handflächenbewegungen und dynamischen Richtungswechseln. Im Mittelpunkt dieser Form steht die koordinierte Verbindung von Ober- und Unterkörper sowie das ausgewogene Zusammenspiel von Spannung und Entspannung. Typisch sind kreisförmige Abwehrtechniken, die unmittelbar in präzise Konter übergehen. Die rotierende Handfläche fungiert dabei sowohl als Block- als auch als Angriffselement. Durch die kontinuierliche Drehbewegung entsteht eine kontrollierte Kraftentfaltung, die gezielt aus der Körpermitte heraus entwickelt und geführt wird.
Waffen - Senjata
Ji Mo Seung Do Long – Die Schmetterlingsschwerter
Guāndāo – Die Hellebarde
Pedang – Der einschneidige Säbel
Parang / Golok - Machete / kurzer Säbel
Tongkat – Der Stock
Cabang - Sai
Die Schmetterlingsschwerter gelten als charakteristische Waffen des südchinesischen Kranichstils, während Säbel und Hellebarde traditionell dem Tigerstil zugeordnet werden. Diese Zuordnung spiegelt die jeweiligen Prinzipien wider: Beweglichkeit und Präzision auf der einen, kraftvolle Durchsetzung und strukturelle Stärke auf der anderen Seite.
Der Cabang ist ein länglicher Metallstab mit zwei seitlichen Zinken – jeweils einer pro Seite – und erinnert in seiner Form an eine leicht gebogene Grillgabel. Er weist eine enge Verwandtschaft mit dem okinawanischen Sai auf. Indonesische Ausführungen besitzen jedoch in der Regel eckiger und kantiger gebogene Zinken, während die okinawanische Variante meist eine rundere Form aufweist.
Golok und Parang stammen ursprünglich aus den südostasiatischen Silat-Stilen. Obwohl diese Waffen im klassischen Shaolin Kempo eher unüblich sind, fanden sie aufgrund der historischen Verbindung zum Kuntao dennoch Eingang in das Shōrin Kempō Ryū.
Partnerübungen - Latihan berpasangan
Kumite bezeichnet das Üben von Angriff und Verteidigung mit einem Partner. Dabei sind die Techniken des Angriffs und der Verteidigung festgelegt.
Kaeshi Kumite bezeichnet den erwiderten Einschrittkampf. Jede Kaeshi Kumite setzt sich aus 3 einzelnen Kumiten zusammen.
Die Kempo Techniken sind die eigentlichen ursprünglichen Partnerübungen. Es sind spezifische Bewegungsformen, die ihren Ursprung im Pukulan haben. Typisch ist der unmittelbare Wechsel von Verteidigung zu Angriff. Diese ursprünglichen Partnerübungen umfassen zahlreiche Techniken für die Nahdistanz. Diese werden häufig mit Hebeltechniken oder Würfen kombiniert. Schläge dienen dabei oftmals als vorbereitende Elemente, um Kontrolle zu erlangen oder einen Takedown einzuleiten.
Diǎnmài
Diǎnmài bezeichnet eine traditionelle Lehre über empfindliche Bereiche des menschlichen Körpers, die in vielen asiatischen Kampfkünsten – teils bewusst, teils unbewusst – Anwendung findet. Auch im Shōrin Kempō Ryū wird dieses Wissen vermittelt und genutzt.
Zusammenfassend lässt sich Diǎnmài als das Verständnis für sensible Angriffs- und Wirkungspunkte am Körper beschreiben. Ziel ist es, Techniken nicht wahllos oder ungezielt einzusetzen, sondern bewusst, präzise und wirkungsorientiert anzuwenden.
Dabei unterscheidet sich die Herangehensweise jedoch von Systemen wie dem japanischen Kyusho Jitsu, die sich stark auf das gezielte Treffen einzelner, exakt definierter Punkte konzentrieren. Eine punktgenaue Attacke isolierter Druckpunkte ist in dynamischen, fließenden Bewegungsabläufen nur eingeschränkt realistisch, auch wenn dies häufig anders dargestellt wird.
Im Shōrin Kempō Ryū werden Techniken überwiegend in fließenden, aufeinander aufbauenden Verteidigungs- und Angriffsmustern angewendet. Dabei stehen funktionelle Zielbereiche und Wirkungszonen im Vordergrund, weniger die isolierte Manipulation einzelner Punkte.
Unabhängig davon wird das Wissen um Lage, Wirkung und physiologische Zusammenhänge sensibler Punkte dennoch systematisch vermittelt.